Bei Grabungen auf dem Areal des Schulhauses Steig hat die Kantonsarchäologie Schaffhausen mehrere Skelette enthaupteter Personen entdeckt. Die Toten wurden ab dem 16. Jahrhundert mit dem Schwert auf dem nahegelegenen Chöpferplatz hingerichtet. Wo und wie die Hingerichteten begraben wurden, war bislang unbekannt. 

 

Über 1000 Gräber im Siechenhausfriedhof untersucht
Seit einem Jahr untersucht die Kantonsarchäologie Schaffhausen die Kapelle und den Friedhof des Sondersiechenhauses. Im späten 13. Jahrhundert ausserhalb der Stadtmauern für Leprakranke errichtet, wandelte sich die Anlage später zu einem Armenhaus und Spital - dem Vorläufer des heutigen Alterszentrums und der Schule Steig. Auf dem zugehörigen Friedhof liegen Menschen aller Alters- und Gesellschaftsschichten aus der Stadt und vom Land. Über 1000 Bestattungen hat das Archäologie-Team bereits geborgen, um Platz für die neue Turnhalle zu schaffen. Kurz vor dem Abschluss der Grabungen stiessen die Archäologinnen und Archäologen auf aussergewöhnliche Skelette. 

 

Mehr entsorgt als begraben
In einer Gräberreihe liegen mehrere Skelette entgegen der üblichen Ausrichtung und mit den Köpfen zwischen den Beinen platziert. Nach christlichem Brauch blicken Verstorbene im Grab nach Osten, um am Jüngsten Tag dem wiederkehrenden Christus entgegenzusehen. Diese Toten sind jedoch nach Westen ausgerichtet. Zudem fehlen sowohl Sargnägel als auch die sonst häufig gefundenen Kleiderhäkchen der Totenhemden. Die Enthaupteten wurden somit ohne Sarg und Gewand begraben. Die Lage der Skelette deutet darauf hin, dass die Körper achtlos in die Grabgruben geworfen wurden. Anthropologische Erstuntersuchungen bestätigten den Verdacht: Klare Schnittspuren an den Halswirbelsäulen beweisen, dass diese Personen geköpft worden sind. 

 

Enthauptung als «ehrenvolle» Hinrichtungsart
Historische Dokumente aus dem Staatsarchiv beleuchten das damalige Justizwesen. Ab dem 16. Jahrhundert diente der neu eingerichtete Chöpferplatz am nahegelegenen Waldrand als Richtstätte. Ein Bericht von 1765 schildert die Hinrichtung von vier Verurteilten: In Begleitung von Geistlichen und dem Vogt mussten sie vom Siechenhaus zum Chöpferplatz marschieren. Vor einer schaulustigen Menge schlug ihnen der Scharfrichter den Kopf ab. Das Richtschwert aus dieser Zeit ist heute im Museum zu Allerheiligen ausgestellt. 


Über die Strafe entschied das sogenannte Malefizgericht. Die Enthauptung galt dabei als «ehrenvolle» Todesart im Gegensatz zum Hängen. Die Vergehen der Verurteilten reichten von Mord, Diebstahl, Handeln «wider die Natur» bis zu Kindstötung. Die letzte Exekution dieser Art fand 1847 statt.

 

Ausserhalb der Gemeinschaft
Die Schriftquellen schweigen darüber, wo die Hingerichteten begraben wurden. In den Totenregistern der Gemeinden fehlt bei ihnen selbst das Datum der Beisetzung. In der Regel blieb ihnen die letzte Ruhe in einem Friedhof verwehrt. Das dürfte auch auf die entdeckten Toten zutreffen. Ihre Skelette liegen in einer Reihe tief unten in der Erde. Erst im Zuge späterer Friedhofserweiterungen wurden reguläre Gräber über den Hingerichteten angelegt - die unehrenhaften Bestattungen gerieten in Vergessenheit. 

 

Ein berührend junges Alter
Die Ausgräberinnen und Ausgräber haben die Skelette sorgfältig freigelegt und für die Erstellung digitaler 3D-Modelle fotografiert. Besonders das junge Alter der Toten bewegt das Ausgrabungsteam: Fünf der bisher untersuchten Skelette stammen von jungen Erwachsenen im Alter von nur 16 bis 20 Jahren. Die Knochen werden nun geborgen und für wissenschaftliche Auswertungen aufbewahrt. Nach Abschluss der Grabungen sollen archäologische und historische Untersuchungen neue Erkenntnisse über das Schaffhauser Justizwesen sowie über das Leben und Sterben im Umfeld des Siechenhauses liefern.